Bahnhof. Der Mittelpunkt von Geschichten

Lass uns eine kleine Reise unternehmen. Eine Reise zurück in die Zeit der Hüte und Lederkoffern. In die Zeit der Zigarren und der Schuhputzer. In die Zeit, als Bahnhöfe noch zauberhaft waren.

Gewaltige Wände, verziert. Inmitten des Bahnhofs eine große Uhr, auf die sich immer wieder die Blicke richten. Smartphones? Fehlanzeige. Statt leuchtender Bildschirme und gedämpfte Musik, sieht man hier nur das gelbe Licht der Lampen und hört das Rascheln der Zeitungen. Stimmengewirr, schnelle Schritte. Ein Zeitungsverkäufer ruft die neuesten Schlagzeilen aus.

Der Bahnhof – ein Treffpunkt der Wartenden, der Reisenden, der Ankommenden. Und der Mittelpunkt von Geschichten.

Heute ist alles anders

Bevor gleich jemand laut aufschreit: „Ja ja, wir wissen schon, früher war alles besser! Aber der Fortschritt!“. Ich weiß. Die Züge fahren schneller (leider aber nicht unbedingt verlässlicher). Die Anzeigen sind genauer, die Sitze bequemer und die Luft reiner. Und dennoch: ein alter Bahnhof versprüht einen gewissen Charme.

Ich bezeichne mich als einen Menschen, der recht schnell nostalgisch werden kann. Ich finde viele neue Ideen durchaus sinnvoll und genieße die Bequemlichkeit, die sie mitbringen. Doch ich liebe es, mal eine Karte in die Hand zu nehmen und mit dem Finger auf die Suche zu gehen. Oder einen Notizblock zu zücken, anstatt eine Memo ins Handy einzupflegen. Oder eine Zeitung aufzublättern und dabei mit meinen kurzen Armen nur eine Seite lesbar vor meine Augen halten zu können, anstatt mit dem Finger über einen Bildschirm zu wischen. Und: Ich liebe alte Bahnhöfe. Bahnhöfe, die noch Geschichten erzählen. Jeder Sitz, jede Wand, jeder Stein erzählt davon, wie sich Tausende, ja Millionen von Menschen an dem einen Ort über die Jahre hinweg zusammengefunden haben und auf die Reise gegangen sind. Nicht jede Reise bedeutete etwas Gutes. Manche ware ein Abschied für immer. Doch das Strahlen vor Freude in den Augen derjenigen, die ihre Liebsten wieder zurück hatten, lässt fast alles Leid vergessen, oder lindert es zumindest ab.

Heute hingegen ist ein Bahnhof ein Ort der Hektik. Menschen rennen zu ihren Zügen, stolpern, weil sie auf ihr Handy starren oder telefonieren lauthals. Fast Food Ketten bieten den schnellen Snack vor der Zugfahrt an und unterstreichen das Gefühl von Eile. Es ist kein Ort mehr der Besonderheiten. Es ist ein Ort des Alltags geworden. Ein Ort des Drecks, des Lärms und der Schnelligkeit. Menschen müssen zur Arbeit, Tag ein, Tag aus. Und das möglichst pünktlich.

Auch an diesem Ort, der so anders ist, ist eine Sache gleich: auch hier gibt es Geschichten. Auch hier warten Menschen auf ihre Liebsten, oder verabschieden jemanden auf ungewisse Zeit. Doch die WhatsApp Nachricht ein paar Minuten später macht das sehnsüchtige Warten fast schon wieder zunichte. Während früher der Zug fast schon eine kleine Welt für sich gewesen ist, so ist heute der Zug ein Ort der Konnektivität und der Schnelligkeit.

Manchmal wünsche ich mich an einen alten Bahnhof zurück, ganz ohne Smartphones, lauter Musik und Hektik. Auch dort ist nichts perfekt, das ist mir bewusst. Allerdings ist es ein Ort zum Träumen und Wünschen. Versteht ihr nun meine Nostalgie?

Verfasst von

Komm mit in meine bunte und chaotische Welt! Ich lass dich an meinen psychologischen und philosophischen Gedanken teilhaben, gebe dir zu den unterschiedlichsten Themen Tipps und stelle dir meine neuesten Bücher vor. Viel Spaß auf #LyrebirdBlog :-)

6 Kommentare zu „Bahnhof. Der Mittelpunkt von Geschichten

  1. Klar, verstehe ich die Nostalgie. Ich verstehe auch das DU dich dort hin wünschst, weil DU schon Träume hast😉 die Menschen damals hatten nicht viele Träume glaube ich. Es war eine Enge Zeit, da die Technik viel Träumen überhaupt ermöglicht. Das uhrige an dem ganzen ist finde ich. Das die Menschen damals, nur Arbeit kannten. Ihre kleinen Grenzen oder die Fahrt in eine andere Welt, was ja kaum zu bezahlen war. Und nun ja, mit anderen sprechen? Es gibt da eine tolle Gegenüberstellung heute Smartphones überall, damal die Tageszeitung 🤣

    Trotz allem, danke, dass du mich auf diese wirklich schön geschriebene Reise mitgenommen hast. Und wer weiss, vielleicht schrebt jemand mal so einen Text über unsere Zeit. Gedacht hätten die Menschen damals das sicher auch nicht🤣

    Hab einen schönen Tag
    Jeraph

    Gefällt 1 Person

    1. Freut mich, dass dir diese kleine Reise gefallen hat 😉
      Du hast absolut recht, das kann wirklich gut sein! Die Tageszeitung anstatt Smartphones… Wie es tatsächlich war, können wohl nur Zeitzeugen berichten 😉

      Die Nostalgie bleibt – wie wohl mit so vielen Dingen von „früher“. Wahrscheinlich werden auch in 100 Jahren Menschen an unsere aktuelle Zeit denken und nostalgische Gefühle entwickeln. Nicht unbedingt die Corona Zeit, aber zumindest die Zeit davor 😊

      Herzliche Grüße
      Janne

      Gefällt 1 Person

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