Abhetzen. Wieso wir es immer so eilig haben und was wir dagegen tun können

Es ist 15 Minuten vor 9:00 Uhr, am Sonntagmorgen. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich noch keinen Beitrag für LYREBIRD geschrieben habe. Meine Pupillen weiten sich, mein Puls geht schneller und ich spüre es mal wieder: den Stress. Also setze ich mich fix an meinen Laptop, noch im Schlafanzug, und versuche mir etwas aus den Fingern zu saugen. Kurz gesagt: ich hetze mich ab und habe es eilig. Denn um 9 Uhr ist meine Beitragszeit auf LYREBIRD und ich möchte sie gerne einhalten.

Also sitze ich nun hier und mein Kopf ist blank. Es macht mir keinen Spaß, abgehetzt irgendetwas zu schreiben, es wird nicht gut, es wird banal und oberflächlich. Hauptsache getan haben.

Und plötzlich wird mir bewusst: das wird das Thema! Ich würde behaupten, dass wohl jeder mal abgehetzt gewesen ist und Dinge mit einem Gefühl von Eile und Stress erledigt hat. Wenn nicht sogar täglich. Doch wieso tun wir das? Wieso pressen wir Aufgaben in die letzten verbliebenen freien Minuten eines Tages? Oder wieso versuchen wir kurz vor dem Abgabetermin noch schnellstmöglich irgendetwas abzuliefern, anstatt einfach zu sagen, dass wir mehr Zeit brauchen?

Wieso haben wir es so eilig?

Gute Frage, nächste Frage wäre wohl die erste Antwort. Wir sind in einem Hamsterrad gefangen. Wir machen halt einfach, weil wir es schon immer so getan haben, oder weil es von uns erwartet wird, oder weil wir selbst es von uns erwarten. Abhetzen ist jedoch keine gute Basis, um Aufgaben gewissenhaft und sorgfältig zu erledigen. Jeder, der selbst diesen inneren Druck schon mehr als deutlich gespürt hat, wird dies wahrscheinlich auch wissen. Doch die Aufgabe überhaupt abzugeben, scheint besser, als zuzugeben, dass man es nicht geschafft hat. Es scheint ein „Versagen“ zu sein – sowohl den anderen als auch dem eigenen Anspruch gegenüber.

Wichtig ist zu wissen: Abhetzen verursacht Stress. Aber keinen guten, den Eustress, der uns zu Höchstleistungen anspornt und uns produktiv werden lässt. Es handelt sich beim Abhetzen um den Distress. Ein Stress, der unseren Sympathikus hochfahren lässt. Wir könnten jetzt kurz gesagt mit einem Säbelzahntiger kämpfen. In der Realität kämpfen wir nur mit der nächsten Aufgabe, der nächsten Abgabe. Unser Körper produziert unnötig viele Stresshormone und fährt das gesamte System auf „Alarm!!!“. An sich wäre das Abhetzen wohl erst einmal kein Problem. Doch wie mit dauerhaftem Stress, tut auch das dauerhafte „Kurz vor Knapp“ uns nicht gut. Unser Parasympathikus, das ausgleichende System in unserem Körper, schafft es gar nicht mehr, uns wird auf 0 herunterzufahren. Wir bleiben stets unter Strom, sind ständig abgehetzt.

Und was können wir jetzt tun?

Beim Abhetzen gelten gleiche Prinzipien wie beim Stress: es geht eindeutig um Reduktion. Doch einen Unterschied gibt es zu Stress: Abhetzen ist der Vorbote und wir können bereits dort eingreifen, bevor es wirklich zum Stress kommt. Wir können bereits vor dem Abhetzen eingreifen.

Natürlich gibt es so offensichtliche Tipps wie ein gutes Zeitmanagement, Aufgaben sinnvoll priorisieren und die benötigte Zeit dafür einplanen. Aber auch das Abstecken von Grenzen und das Kommunizieren dieser: wie viel schaffe ich und was muss ich delegieren?

Hilfreich kann jedoch auch sein, sich immer wieder bewusst zu machen, dass man kein Roboter ist, der immer funktioniert. Es kann immer wieder passieren, dass Abgaben plötzlich zu nah erscheinen, oder schlichtweg das Leben dazwischen kommt. Gelassenheit lässt sich durch Meditation hervorragend erlernen. Mehr dazu findet ihr hier, in einem älteren Beitrag über Meditation auf LYREBIRD.

Doch ganz oft ist es schon zu spät für präventive Maßnahmen. Was nun nur noch hilft: Tipps, wie wir im Moment des Abhetzens damit umgehen:

  1. Drei mal tief atmen.
    Verlängere insbesondere deine Ausatmung. Meist atmen wir unter Druck und Eile viel zu kurz und oberflächlich. Der lange Ausatmen bringt dich ganz schnell wieder runter.
  2. Dinge benennen.
    Meist denken wir, wenn wir uns unter Druck fühlen, eine Aufgabe noch rechtzeitig abzugeben, an alle möglichen Sachen, die noch getan werden müssen. Wie bei mir: das Bild erstellen, die Links einfügen, Schlagwörter vergeben usw. Hierbei hilft folgende Übung: Nenne fünf Dinge, die du siehst, fünf Dinge, die du hörst, fünf Dinge, die du riechst und fünf Dinge, die du spürst. Dies bringt dich sofort in den Augenblick zurück.
  3. Alles kann, nichts muss.
    Mache dir erneut bewusst: Du bist kein Roboter. Du bist ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit Fehlern und mit eventuell nicht der perfekten Lösung für die eine Aufgabe. Du musst nicht alles können. Natürlich ist es sehr vorbildlich zu versuchen, immer sein Bestes zu geben. Aber wenn es mal nicht klappt, dann ist dies auch nicht der Weltuntergang.

Es ist mittlerweile 09:25 Uhr. Der Beitrag steht. Er könnte noch umfangreicher sein, er könnte noch tiefgründiger sein. Und er hätte auch schon um 9:00 Uhr veröffentlicht worden sein. Aber hey, er ist da, er ist okay und dann ist er eben etwas später gekommen, als sonst. Einfach tief atmen 😉

Verfasst von

Komm mit in meine bunte und chaotische Welt! Ich lass dich an meinen psychologischen und philosophischen Gedanken teilhaben, gebe dir zu den unterschiedlichsten Themen Tipps und stelle dir meine neuesten Bücher vor. Viel Spaß auf #LyrebirdBlog :-)

6 Kommentare zu „Abhetzen. Wieso wir es immer so eilig haben und was wir dagegen tun können

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s