Minimalismus – Wie wir mit weniger glücklich werden

Bewusster Verzicht, Platz für das Wesentliche schaffen, Dinge loslassen – dies ist Minimalismus. Wieder ein Trend, der gerade begierig von Vloggern und Bloggern aufgenommen wird. Doch was genau ist Minimalismus? Ist es nur ein kurzfristiger Trend, oder etwas, das bleibt?

Minimalismus = Ausmisten?

Ich habe erst vor kurzem einen Beitrag zum Thema „Ausmisten“ verfasst. Schaut gerne dort noch einmal vorbei, um mehr über das Ausmisten zu erfahren. Wieso ich das an dieser Stelle erwähne? Ganz einfach: im Grunde genommen geht es beim Minimalismus ebenfalls in erster Linie darum, alten Ballast loszuwerden und ordentlich auszusortieren, was sich über die Zeit so angehäuft hat. Doch Minimalismus ist nicht nur „Ausmisten“, es ist noch mehr.

Minimalismus ist eine Art Gegenbewegung zu Konsumwahn und Materialismus. Denn wenig zu besitzen bedeutet automatisch, sich auch um weniger kümmern zu müssen und mehr Platz sowie Zeit und Geld zu haben. Ganz oft sind wir in einem Teufelskreis gefangen: wir arbeiten, um Geld zu verdienen, um Sachen zu kaufen, die uns glücklich machen sollen. Diese wiederum sollen eine Belohnung sein für all die Arbeit, die wir doch leisten. Und so drehen wir uns im Kreis: wir arbeiten, häufen Materielles an und arbeiten noch mehr, um noch mehr zu kaufen.

Minimalismus hinterfragt dieses typische Verhalten und geht davon aus, dass man weniger besitzen könnte und sich somit von dem Konsumwahn lösen kann. Dabei wird vor allem ein Gefühl von Freiheit erzeugt und die Dinge, die einen dann noch umgeben, erfüllen einen Sinn. Minimalisten kommen folglich mit wenigen Dingen aus. Statt eines prall gefüllten Kleiderschränke gibt es wenige Kleidungsstücke, die jedoch sehr gerne und häufig getragen werden. Auch die Digitalisierung kann die Lebensform des Minimalismus vereinfachen: statt eines Bücherregals gibt es eBook Reader. Statt vielen Ordnern mit Dokumenten den Laptop. Das Wichtigste ist hierbei jedoch stets, dass man sich auf die Dinge konzentriert, die einem Freude bereiten, oder die zwingend erforderlich sind – kurz: einen Sinn stiften. Na, erkennt ihr da etwas wieder?

Es geht wieder einmal um den „Sinn des Lebens“. Wie auch einige andere Trends oder Bewegungen, ist Minimalismus aufs Grobe heruntergebrochen der Versuch unserer heutigen Gesellschaft, einen Sinn in der Schnelllebigkeit, in dem Optimierungswahn etc. zu finden. Der Mensch sucht nach einem Grund, wieso er auf der Welt ist. Das ist schon ganz lange so und es ist absolut verständlich. Die einen wenden sich der Religion zu, die anderen einer bestimmten Lebensform wie auch dem Minimalismus. Außerdem ist der Minimalismus als eine Vereinfachung des Lebens zu verstehen. Weniger Dinge zu sammeln bedeutet auch, dass man sich weniger darum kümmern muss und dass Platz für das Wesentliche bleibt.

Der Haken an dem Ganzen

Klingt alles schön und gut. Doch wird dieses Prinzip auch wirklich gelebt? Caroline Rosales ist da anderer Meinung:

Wenige gute Dinge zu besitzen, hat heute mehr mit edler Ästhetik zu tun als mit ernst gemeinter Askese. Minimalismus ist zur Selbstinszenierung von Snobs verkommen.

Caroline Rosales

Es scheint, als wäre Minimalismus kommerzialisiert und nun „schick“ und „in“. Es ist auch eine Frage des Geldes geworden, ob man sich den Verzicht leisten kann, wie z.B. einen Laptop, der alles kann, der Musikspieler, Fernseher und Dokumentensammler in einem ist. Bestes Beispiel für die Marketingworthülse „Minimalismus“ ist Marie Kondo selbst, die japanische Bestsellerautorin. Mit ihr wurde Minimalismus im Allgemeinen und ihre eigene Aufräummethode im Speziellen erst so richtig bekannt. Und nun? Nun verkauft sie auf dem Onlineshop Leinenbezüge für Papiertaschentuchboxen oder andere Dinge, die man anscheinend dringend braucht – jedoch eigentlich eher überflüssig sind und zudem ausgesprochen teuer. Minimalismus wird zum Luxus.

Manche Verhaltensweisen von Minimalisten sind alles andere als nachhaltig. Selbstverständlich lässt sich hier nicht jeder Befürworter von Minimalismus über einen Kamm scheren, doch es wird wohl jedem einleuchten, dass es nicht nachhaltig ist, sich to-go eine Bowl und Sushi zu holen – denn der Müll, den man hinterlässt und die Transportwege der exotischen Zutaten schaden nachweislich der Umwelt.

Selbst erklärte Minimalisten, die Essen zum Mitnehmen bevorzugen und die Vorteile einer Sharing Economy wie Autoleasing, Mietfahrräder und Onlinebestellungen nutzen, erhalten ihren Lebensstil nur aufgrund von monströsen Logistiksystemen, die solche Besorgungen und Dienstleistungen auf Tastendruck (meist ausgeführt von Arbeitern im Niedriglohnsektor) überhaupt erst möglich machen – von den dazugehörigen verpflichtenden Abos mit monatlichen, meist saftigen Gebühren mal ganz zu schweigen.

Caroline Rosales

Kleinere Schritte tun es auch

Ich persönlich werde mich nicht gleich dem Minimalismus verschreiben und komplett auf alles mögliche verzichten. Auch sehe ich manche Ideen als kritisch an. Doch auch ich habe ordentlich aussortiert und mein gesamtes Zimmer umgestellt. Das Gefühl dabei? Herrlich befreiend! Viele ungetragene Kleidung oder Schuhe, etliche Papierunterlagen, anderer Ramsch und Deko-kram – alles weg damit! Wenn möglich gespendet, ansonsten in die Mülltonne. Ich habe auch schon in meinem Artikel „Ausmisten“ beschrieben, wie dieses Ausmisten die Psyche befreien kann und vor allem habe ich euch dort Tipps gegeben, wie ihr dieses Vorhaben angehen könnt. Also klickt hier, wenn ihr mehr dazu erfahren wollt.

Wirklich Minimalistisch ist es bei mir jedoch noch lange nicht – mir gefällt es, meine Bücher um mich herum zu haben und ein paar Kissen und Kerzen für die Gemütlichkeit. Dennoch hat mich die Recherche für diesen Artikel dazu inspiriert, meinen Konsum immer wieder zu hinterfragen. An dieser Stelle möchte ich euch auf ein Buch hinweisen, das mir zum Thema „weniger besitzen“ sehr gut gefallen hat.

Autor: Susanne Weingarten (Herausgeberin)
Ein SPIEGEL-Buch
Preis: 10,00€

Infos: 224 Seiten, 11,8 x 18,7 cm

Weitere Informationen & kaufen

Susanne Weingarten ist seit 2015 stellvertretende Ressortleiterin für die Heftreihen SPIEGEL GESCHICHTE, SPIEGEL WISSEN, SPIEGEL BIOGRAFIE und SPIEGEL CLASSIC. Sie hat in ihrem Buch „Völlig losgelöst“ Konsumforscher, Psychologen und überzeugte Minimalisten zu Wort kommen lassen, die wertvolle Tipps geben, wie wir nachhaltige Konsumenten werden können.

Sie hat das Buch in drei Teile aufgeteilt:

  1. Konzentration auf das Wesentliche
  2. In der Balance
  3. Weniger Konsum, mehr Gewissen

Das Buch enthält vielfältige und interessante Beiträge, so dass es einfach Spaß macht, in dem Buch zu lesen. Es warten keine unendlichen Ratschläge auf den Leser, oder eine Checkliste, die nun abgearbeitet werden muss, um glücklich zu werden. Dieses Buch ist anders konzipiert. Durch die verschiedenen Beiträge ruft es die intrinsische Motivation auf den Plan und schon findet man sich wieder, wie man sich selbst eine Checkliste erstellt und überlegt, wie das eigene Leben umgekrempelt werden kann – und das mit Begeisterung. Vielleicht seid ihr ja als Nächstes dran?

Verfasst von

Komm mit in meine kleine, bunte Welt! Ich lass dich an meinen Gedanken über das Leben teilhaben und stelle dir meine neuesten Bücher vor. Viel Spaß auf #LyrebirdBlog :-)

27 Kommentare zu „Minimalismus – Wie wir mit weniger glücklich werden

  1. Als ziemlich alter Mann mit einem ebenso dicken Bauch würde ich Minimalismus anders definieren. Ich denke man hat die Neigung zum Leben mit reduziertem Bestand schon von Geburt an, oder Ereignisse im Leben lassen die Erkenntnis nach überschaubaren Besitz reifen.

    Eine minimalistische Lebensführung muss auch kein Gegenentwurf zum Konsumwahn sein, ganz im Gegenteil! Ein I-Mac Pro mit Zehnkernprozessor und Retina- Display ist viel teurer als ein ganzes Konglomerat von Computern von der Stange mit dem ganzen Kabelgewirr und Peripheriegeräten, benötigt aber viel weniger Platz und Aufmerksamkeit.

    Ein sündhaft teuer handgefertigter Herrenschuh begleitet einen viel länger, als vielleicht ein halbes Dutzend Fußbekleidungen vom Discounter, der einem mit schreiender Werbung den Nerv raubt, und eventuell sogar die Existenz eines Schuhschranks in Frage stellt.

    Ich denke, Minimalismus ist eine Lebenseinstellung, die auch erst im zunehmenden Alter reifen kann, da hilft leider auch die Lektüre eines Buches nicht sonderlich viel, den der Erwerb dieser Anleitung für ein besseres Leben verstößt ja eigentlich auch schon wieder gegen die Grundregeln des Titelthemas!

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    1. Sehe ich ähnlich – ich denke, man kann das auch mit „Qualität statt Quantität“ ganz gut zusammenfassen. Das ist aber auch eher etwas, das – glaube ich – erst mit der Zeit kommt. Vor 20 Jahren hätte ich das ganz anders gesehen.

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  2. Ich finde es vollkommen zutreffend, dass wir uns in einem Teufelskreis von Arbeiten und Konsumieren befinden. Wir Arbeiten um zu konsumieren und wir konsumieren um das Arbeiten zu ertragen. Aber was ist die Konsequenz? Wie können wir uns daraus befreien? Ein Weg ist es sich materiell einzuschränken und versuchen minimalistisch zu leben. Wenn wir den Gedanken zu Ende denken, was ist es, was wir brauchen? Wofür brauchen wir die ganze Arbeit? Für was wollen wir uns versklaven?

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      1. Ich glaube, dass die wenigsten darüber nachdenken. Sie sind einfach zu eingespannt in ihrer Teufelsmühle, dass sie gar nicht die Notwendigkeit sehen darüber nachzudenken.

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      2. Ich frage mich ständig, warum ich mir das antu. Hatte nach meinem ersten Referendariat so starke Depressionen, dass es mühsam war zum Arzt zu gehen um mich weiter krank schreiben zu lassen. Es war ganu angenehm eine kurze Zeit zu harzen, aber auf Dauer verdunkelt es nur die schwarzen Gedanken. Ich brauche eine Aufgabe.

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  3. Befinde mich momentan auch beim Ausmisten, haben hierzu das Buch Magic Cleaning gelesen, hauptsächlich war aber der „Drang“ das wir umziehen und man dann generell alles einpacken muss. Also wieso nicht gleich davon trennen was nicht mehr gebraucht wird.

    Das lustige ist, das Minimalismus tatsächlich gut ist egal in welcher Form man ihn auslebt. Oftmals – wie von dir geschildert – kaufen wir Dinge nur um uns glücklich zu machen aber in Wahrheit verschleihern sie nur ein ganz anderes Problem. Man muss quasi erst mal an die Wurzel des Übels gelangen um zu verstehen wieso man manchmal so handelt und z.B. im Kaufrausch endet.

    Toller Blog & toller Beitrag 🙂

    Liebe Grüße Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de

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    1. Ein komplexer Satz, den ich erst einmal doppelt lesen musste 😂
      Danke für deinen Kommentar! Wenn ich es richtig verstanden habe, dann gibt es nicht das Eine (oder mehrere Dinge), das man unbedingt braucht. Jeder ist individuell und für jeden ist es etwas anderes.
      Einfach maßvoll zu konsumieren bzw. zu leben, wäre schon der erste Schritt. Darauf sollten wir uns konzentrieren.

      Stimmt dies?

      LG Janne

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      1. Während die Hippies sich bewusst von dem Konsum losgesagt und möglichst autark gelebt haben, verschwenden wir einen Großteil unserer Lebenszeit mit Arbeit. Wir haben Internet und Netflix. Die Hippies hatten freie Liebe und Drogen. Wir haben Pornos und suchten eine Staffel nach der anderen nach und verlieren den Bezug zu uns selbst. Immer mehr konsumieren und bloß nicht das System in Frage stellen.
        https://haimart.wordpress.com/2019/03/02/sich-der-endlichkeit-bewusst-werden/

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  4. Da bei meinem Liebsten und mir gerade ein großer Umzug ansteht, nutze auch ich die Zeit, um gerade einige alte Verhaltensmuster zu überdenken und auszumisten. Ich habe angefangen, über Konzepte wie Capsule Wardrobe, Slow Living und Co. zu lesen. Minimalismus ist dabei gerade tatsächlich wieder so ein Trendwort, das einem überall entgegen schlägt und an wenigen Stellen tatsächlich mit Leben gefüllt wird. Hoffentlich wird das nicht auch direkt wieder eine Fast-Living-Lifestyle-Choice bis der nächste Trend um die Ecke blickt.

    Ich finde es gerade übrigens vor allem spannend, neben deinem Blogbeitrag auch die unterschiedlichen Meinungen in den Kommentaren zu lesen.

    Cheers,
    Auri

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    1. Ja leider ist Minimalismus wirklich ein so großer Trend, dass die Gefahr besteht, dass er ebenso schnell wieder fallen gelassen wird.
      Vielleicht wäre es besser dem ganzen nicht einen einzigen Namen zu geben, denn Ausmisten oder sich auf das Wesentliche konzentrieren, ist für jeden etwas anderes.
      Gerade bei Umzügen ist das Aussortieren wirklich spannend. Auf jeden Fall schon mal viel Spaß und viel Erfolg beim Umzug!

      Du hast recht, die Kommentare sind unglaublich wertvoll. Ich freue mich immer wieder sehr darüber, dass auf Lyrebird so ein schöner Austausch stattfindet. 😊

      Viele Grüße
      Janne

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  5. Hey Janne,
    ich finde deinen Beitrag wirklich super spannend. Besonders die Stelle, in der es um den Teufelskreis zwischen Arbeit und Konsum geht hat mir gefallen. Ich beginne gerade erst meine Ausbildung und schon jetzt frage ich mich ob es das jetzt war mit dem Leben. Ich habe eine Arbeitsstelle, eine Wohnung und mein Ausbildungsgehalt. Ich bin von früh bis spät auf der Arbeit um am Wochenende Geld auszugeben. Mich macht es traurig zu sehen, dass ich praktisch meine Freizeit für das alles aufgebe. Mein Traum ist es in ein paar Jahren meinen kompletten Besitz zu verkaufen um mit einem Bulli die Welt zu bereisen. Es wäre so schade wenn ich jetzt schon in diesem Teufelskreis stecken bleiben würde.

    Liebste Grüße
    Lienna

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    1. Liebe Lienna,

      vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich sehr, dass dir mein Beitrag gefallen hat!
      Was für einen schönen Traum du da hast. Alleine festzustellen, dass dir dein aktuelles Leben nicht reicht, dass du mehr aus deiner Zeit machen möchtest, ist so unglaublich wichtig. Mit diesem Gefühl kannst du so viel erreichen. Nur zu! 🙂

      Herzliche Grüße
      Janne

      Gefällt 1 Person

  6. Ein sehr guter Beitrag zu einem spannenden Thema.
    Ich habe es am Anfang total unterschätzt aber ein gewisser Grad an Minimalismus befreit tatsächlich. Die Kunst ist, dass jeder für sich selbst die richtige „Dosis“ finden muss.

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