Hochsensibilität – Gabe oder Fluch?

Vielleicht habt ihr ja auch schon einmal davon gehört, denn es ist fast schon ein Trend-Thema geworden: Hochsensibilität.

Doch was ist das genau? Und ist das etwas gutes oder nicht?

Wann gilt man als hochsensibel?

Hochsensible Menschen nehmen Sinnesreize und Emotionen viel stärker wahr als andere. Sie fühlen alles intensiver, sind empfindlicher. Ganz alltägliche Situationen können so zu einer großen, fast unüberwindbaren Herausforderung werden. Das könnt ihr euch mal so vorstellen: ihr wollt eine Freundin vom Bahnhof abholen. Ihr steht also am Gleis, haltet nach dem Zug Ausschau, beobachtet die Leute um euch herum oder werft einen kurzen Blick aufs Handy.
Im Gegensatz zu hochsensiblen Menschen. Jedes Geraschel mit der Zeitung, jeder Klappern von Schuhen mit Absätzen, jeder Husten. Jedes Rollen von Koffern, jedes Lachen, jedes Pfeifen von Zügen. Alles ist überdeutlich, alles ist doppelt so laut, doppelt so intensiv. Am Anfang halten sie es eventuell noch aus, doch irgendwann läuft das Fass über. Der letzte Tropfen und sie bekommen Angst, ihnen wird schwindlig, Kopfschmerzen treten auf oder sie müssen auch weinen – egal wie die Reaktion auch ist, sie ist durch Überforderung und meist Verzweiflung hervorgerufen.

„Ihre Wahrnehmung erfasst ein wesentlich breiteres Spektrum. Hochsensible Personen nehmen mehr Informationen aus der Umwelt auf und das zudem in einer tieferen Qualität.“
https://www.apotheken-umschau.de/Psyche/Hochsensible-Menschen-Zu-zart-besaitet-413431.html

Menschen mit Hochsensibilität haben aufgrund einer physiologischen Disposition ihres Nervensystems eine erhöhte Empfänglichkeit für Reize – und zwar sowohl für äußere Reize wie Geräusche oder Gerüche als auch für innere wie z.B. Stimmungen, Gefühle anderer und Erinnerungen.

Äußere Sinnesreize lassen sich nicht einfach abschalten. Dies ist auch der Grund, weshalb Menschen mit Hochsensibilität zwar meist ein reiches inneres Potenzial besitzen, sich aber nicht entfalten und mit beiden Beinen im Leben stehen können, weil sie ständig überfordert, gereizt, oder emotional instabil sind. Meist haben sie selbst auch den Eindruck anders zu sein, kapseln sich bewusst ab und sammeln etliche negative Kommentare im Sinne von „Reiß dich doch mal zusammen“ oder „Stell dich nicht so an“, wenn sie oft Ruhe suchen.
Sie funktionieren wie ein Schwamm. Wie dieser gierig Flüssigkeit aufsaugt, so saugen hochsensible Menschen alle Emotionen auf. Und zwar nicht nur die eigenen, sondern auch die der Mitmenschen.

Bin ich auch hochsensibel?

Nachdem ich mich mit dem Thema eigentlich nur aus reinem Interesse beschäftigt habe, so habe ich viele Parallelen zu mir und meinem eigenen Wesen entdecken können. Gehöre ich dazu?
Ich selber merke beispielsweise beim Thema Gefühle immer wieder: Mitgefühl und Verständnis sind wichtig und wunderschön.
Doch wenn ich die Emotionen auf mich selber übertrage, mich in ihnen verliere und mich zu sehr mit der Person identifiziere wird es gefährlich. Ich weiß selber nicht mehr, was ich eigentlich wirklich fühle und was nur die Gefühle von anderen sind.
Und auch ich habe oft das Problem, dass mich die normalen Reize an einem normalen Tag mal schnell überfordern. So kann ich abends völlig erschöpft da sitzen, weiß überhaupt nicht was los ist und will mich nur einigeln. Gerade im Berufsleben merke ich das: so viele Eindrücke, so viele To-Dos… Mittags mache ich dann ganz alleine, ganz in Ruhe einen Spaziergang um wenigstens etwas herunterzukommen.

Hochsensibilität ist nichts schlimmes

Aber egal wie man es nennen mag, das wichtigste ist sowohl für diejenigen, die bereits die Diagnose Hochsensibilität bekommen haben, als auch für diejenigen, die sich einfach als etwas empfindlich darstellen würden: Alles ist in Ordnung so, und zwar ganz genau so, wie es gerade ist. Gefühle sind nichts schlimmes, die sofort weg müssen. Auch Überforderung ist völlig akzeptabel – auch wenn unsere Leistungsgesellschaft uns da etwas anderes vormachen will. Wir sind keine Maschinen, wir sind Lebewesen mit einem vielfältigen und oft auch mal kompliziertem Innenleben.

Wir sollten uns das immer wieder bewusst machen und liebevoll auf eigene Gefühle und Empfindungen reagieren. Für hochsensible Menschen, denen dies noch nicht so gut gelingt, ist natürlich auch externe Hilfe empfehlenswert. Oft reicht es schon, zumindest die Diagnose zu haben, die zu Erleichterung führt, weil man dann weiß, dass man nicht einfach nur „anders“ ist. Aber auch Gespräche können helfen, um mit all den Gedanken und intensiven Empfindungen nicht alleine zu sein.

Übrigens kann Hochsensibilität auch sehr positiv sein. Sei es im Berufsleben bei sozialen Berufen oder auch im Privatleben für sehr intensive Freundschaften. Es ist eine Sache der Einstellung, ob man es als Fluch oder Gabe ansieht. Meiner Meinung nach kann es anstrengend, aber zugleich wunderschön sein. Außergewöhnlich, Besonders.

Verfasst von

Komm mit in meine bunte und chaotische Welt! Ich lass dich an meinen psychologischen Gedanken teilhaben, zeige dir mein Leben als Studentin und zeichne Handletterings was das Zeug hält. Viel Spaß auf #LyrebirdBlog :-)

12 Kommentare zu „Hochsensibilität – Gabe oder Fluch?

  1. Im Spiegel dieser Woche gibt es ein Interview zum Thema „Resilienz“ (auf Seite 40: „… warum erfolgreiche und starke Menschen sich oft unsicher fühlen …“).
    Dabei geht es u.a. auch irgendwie um Hochsensibilität und wie Menschen damit umgehen.
    Manch einer wird sich darin vermutlich wiederfinden …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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  2. Wirklich sehr schön auf den Punkt gebracht. Vieles ist schlichtweg eine Sache des Kopfes. Wenn man zu sich selber sagt, daß einen dies krank macht, dann fühlt sich dies auch so an. Wenn man jedoch versucht das beste daraus zu machen und diese Stärken z.B. mit Hilfe von Meditation und anderen Ritualen kultiviert, dann ist dies ein wahres Geschenk.

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  3. Ich bin vielleicht nicht hochsensibel, aber sehr empfänglich für die Aura und Schwingungen, die eine Person aussendet. Manchmal bin ich dann während einer Konferenz von Kopfweh geplagt, weil die negativen Botschaften, die jemand ungesagt aussendet, so belastend sind. Mir hilft es da oft, mich bewusst neben eine Person mit freundlicher Aura zu setzen. 🌈

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  4. Sehr schöner Artikel, ich gehöre leider auch dazu, was das Leben oft nicht einfach macht. Aber wenn man sich erst mal damit auseinander setzt und sich selbst kennenlernen, findet man einfacher Wege, damit umzugehen und auch die positiven Aspekte zu sehen.

    Liebe Grüße
    Claudia

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